Im Marschgepäck: Heldenliteratur

- Rilkes Cornet - Kult-Buch des Ersten Weltkrieges -

 

Der folgende Text ist die Kurzfassung eines Beitrags, der in absehbarer Zeit in einer ausführlichen Version in einem der folgenden Hefte des „Geschichtskreises Dornholzhausen“ erscheinen wird.

 

Unter den Büchern von Annemarie Bünte, die nach ihrem Tod im Januar 2014 in den Räumen des Gemeindehauses der Waldenserkirche in Dornholzhausen ausgestellt waren, befand sich auch eines jener schmalen „Insel-Bändchen“, das sich als eine Erstausgabe von Rainer Maria Rilkes „Cornet“ aus dem Jahr 1912 entpuppte.

 

Die Erzählung „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke" soll der Autor „bei zwei im Nachtwind wehenden Kerzen hingeschrieben“ haben. Mit diesem Titel eröffnete der Insel-Verlag seine berühmte „Insel-Bücherei“, deren Erfolg bis heute anhält. Mit über 1 Mio. verkauften Exemplaren machte das kleine Buch Karriere, ihm vor allem verdankte Rilke seinen Ruhm.

 

Die biedermeierliche Ausstattung des Büchleins lässt den unheilvollen Inhalt kaum ahnen: mit bezwingender Kraft verteilt sich der Text in altertümlicher Fraktur auf 33 vergilbte Blätter, von denen die meisten halbleer bleiben. Der junge Adelige Christoph Rilke auf Langenau bricht zum Kampf gegen die Türken in Ungarn auf und freundet sich dabei mit einem französischen Marquis an. Dieser schenkt ihm das Blatt einer Rose, die er von seiner Geliebten erhalten hat, welches ihn beschützen soll. Zum Fahnenträger (Cornet) ernannt, übernachtet Langenau mit seiner Kompanie jenseits der Raab in einem Schloss. Dort verbringt er die Nacht in den Armen der Gräfin und verschläft das Trommeln ebenso wie das Hörner-Schmettern und die Rufe zum Aufbruch, denn die Türken haben das Schloss angegriffen und es in Brand gesteckt. Um das Kostbarste, die Fahne, zu retten, schwingt er sich ohne Waffenrock und Helm auf ein Pferd, der Kompanie hinterher, wirft sich mit der wehenden, brennenden Fahne wie im Taumel tollkühn den „heidnischen Hunden“ entgegen und findet im Schlachtgetümmel den Tod.

 

Wie kein anderer spiegelt dieser Text die militaristisch aufgeladene, glühend patriotische Stimmung am Vorabend des Ersten Weltkrieges wider, die sich massiv ausbreitete, besonders unter der Jugend. Mit Begriffen wie „Mut“, „Blut“, „Eisen“, „Waffen“ und „Tod“ lieferte der „Cornet“ gefährliche Stichworte, die besonders auf Gymnasiasten, Studenten und zahllose Jugendbewegte eine mystische Anziehungskraft ausübten. „Kein schön´rer Tod ist in der Welt als wer vom Feind erschlagen“ sangen sie und andere harmlos scheinende Volkslieder, die ihr Lebensgefühl widerspiegelten und sich ihnen für ihr Leben einprägten. Tieferes Verlangen war kaum denkbar. Noch bevor der Krieg ausbrach, der so viele junge Menschen verschlingen sollte, war er bereits in ihren Köpfen.

 

Zweifellos musste angesichts der kollektiven Euphorie ein solcher Stoff dazu beitragen, die Stimmung anzuheizen. Viele fieberten dem Kampf entgegen, sehnten sich nach Heldentaten, meldeten sich freiwillig zur Front und träumten sich – mit Rilkes „Cornet“ oder Gedichten von Hölderlin und Stefan George im Marschgepäck! – wie im Wahn in den Krieg hinein, ja in einen heroischen Tod auf den Schlachtfeldern des Krieges, mit fatalen Konsequenzen. Auch in Dornholzhausen herrschten Fieber, Erwartung, Kriegsbegeisterung und Angst. Und dies wurde von den Aktivitäten der örtlichen Krieger-Kameradschaft ebenso geschürt wie von der Haltung des Ortspfarrers, der die politischen Ereignisse mit größter Empathie verfolgte. Zum Kriegsbeginn, am 2. August 1914, einem Sonntag, war das alte Waldenserkirchlein „mit der Kaiserbüste und der Fahne des Kriegervereins geschmückt und bis auf den letzten Platz gefüllt“.

 

Auch der Insel-Verlag hat sich dem Zeitgeist nicht entziehen können und stellte seine Produktion, wie andere Verlage auch, auf Kriegsliteratur um: Mit Kriegsausbruch bot die „Insel-Bücherei“ gleich mehrere kriegsbezogene Titel, wie: „Deutsche Vaterlandslieder“ (1914), „Deutsche Kriegslieder“ (1914) sowie Ernst Moritz Arndts wortgewaltigen „Katechismus für den deutschen Kriegs- und Wehrmann“ aus der Franzosenzeit; auch dieses Buch erlebte 1914 eine Renaissance und erneut 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg.

 

 

Ismene Deter

 unter Mitarbeit von Herbert Schäddel

 

 


 

 

Rainer Maria Rilke

(um 1900)

 

Geboren:    04.12.1875

Gestorben: 29.12.1926

 



 

Die Weise von Liebe und

Tod des Cornets

Christoph Rilke

 

 

 

 

 

 

 

 

Insel-Verlag

Leipzig 1912


 

Kriegerdenkmal auf dem

Friedhof in

Dornholzhausen 

mit den Namen der im Ersten Weltkrieg und im Krieg 1870/71 Gefallenen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Namen und persönliche Daten der im Ersten Weltkrieg gefallenen Dornholzhäuser

 

Quelle: Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Altertumskunde zu Bad Homburg v.d.H. 16 (1925), S. 57-58

 

 

Fotos/Scans der Abbildungen: Herbert Schäddel