Die Flucht der Glaubensflüchtlinge nach Dornholzhausen

 Vom Piemont in die Landgrafschaft Hessen-Homburg

 

Es waren reformierte französische Waldenser aus dem Piemont, die im Sommer 1698 aus ihren heimatlichen Alpentälern vertrieben wurden. Sie hatten sich geweigert, zum katholischen Glauben überzutreten und suchten nun Zuflucht in protestantischen Ländern. Die nahe Schweiz konnte die Flüchtlinge nur vorübergehend beherbergen, und so war es ein Glücksfall, dass mit Pieter Valkenier einem Mann die Verteilung übertragen wurde, der über gute Beziehungen zu Fürstenhäusern verfügte. So konnte er Landgraf Friedrich II. von Hessen-Homburg gewinnen, vierzig Waldenserfamilien im Juli 1699 die Ansiedlung auf dem Dornholzhäuser Reisberg zu ermöglichen.

Der Siedlungsraum der Waldenser im damals französischen Pragelas und in den piemontesischen Waldensertälern

Nur in einigen Hochtälern der Cottischen Alpen, etwa 50 Kilometer westlich von Turin, konnten sich die Waldenser behaupten, eine vorreformatorische Laienbewegung des ausgehenden 12. Jahrhunderts, fortwährend als Ketzer unterdrückt durch die Katholische Kirche. Ihr Siedlungsraum auf der schwer zugänglichen Wasserscheide zwischen dem Chisone, einem Quellfluss des Po, und der Durance, einem Nebenfluss der Rhône, bot einen gewissen Schutz vor Übergriffen. Das Pragelas war seit 1349 als Teil des Dauphinés französisches Territorium und wurde großenteils von Savoyen-Piemont umschlossen. So konnten die Bewohner in Zeiten der Verfolgung bei den Glaubensbrüdern und -schwestern in den piemontesischen Waldensertälern Savoyens Zuflucht suchen oder bekamen von dort Unterstützung.

Die Waldensergemeinden im Pragelas und deren Neugründungen in Deutschland


 

Herkunft der Dornholzhäuser Waldenserfamilien

Die Heimat der Dornholzhäuser Waldenser war Méan (heute Meano) am Oberlauf des Chisone. Als der untersten Gemeinde des Pragelas kam Méan zugute, dass es auf nur etwa 700 bis 800 Metern Höhe liegt, damals unmittelbar an der Grenze zu Savoyen-Piemont, wo sich das Chisonetal nach Südosten öffnet. In den Sommermonaten strömt hier die feuchte Wärme aus der Poebene hinein, sodass die Bevölkerung neben der Viehwirtschaft auch Getreide, Obst und Wein anbauen konnte. Die Lebensbedingungen waren bescheiden, doch hatten sich die Waldenser über Generationen hinweg mit der Situation abgefunden. Auch waren sie gewohnt, ihren Glauben, ohne kirchlich organisiert zu sein, nur im Geheimen und in kleinen Kreisen ausüben zu können. Als jedoch die Kunde von der Reformation in Deutschland und der Schweiz das Piemont erreichte, war dies das Signal für die Waldenser, sich im Jahr 1532 der Genfer Reformation anzuschließen, sodass sie sich von nun an in Bekenntnis, Frömmigkeit und Kirchenordnung der reformierten Kirche calvinistischer Prägung anglichen.


 

Der unterste Teil des Pragelas mit Meano (Méan) als der Heimatgemeinde der Dornholzhäuser Waldenser



Unterdrückung durch die Katholische Kirche

Die Katholische Kirche sah indessen nicht tatenlos zu, und so kam es im Pragelas wie auch im ganzen französischen Herrschaftsgebiet, wo die Hugenotten den reformierten Glauben angenommen hatten, schon bald zu blutigen Verfolgungen. Mit Gewalt versuchte man, die Waldenser zum Katholizismus zu bekehren. Erst das 1598 in Nantes erlassene Toleranzedikt des französischen Königs Heinrich IV. gewährte auch den waldensischen Untertanen im Piemont die weitgehend freie Ausübung ihres Glaubens und sorgte zunächst für Entspannung. In wenigen Jahrzehnten vollzog sich so der Übergang der waldensischen Bewegung von der Wanderpredigt in eine eigene Kirche. Hatten die Waldenser bisher ihren Glauben im Untergrund gelebt, bildeten sie nun eigene reformierte Gemeinden.

 

Doch als der französische König im Mai 1685 die Ausübung der reformierten Religion im Pragelas verbot und die Zerstörung aller protestantischen Gotteshäuser befahl – also schon einige Monate vor der Aufhebung des Edikts von Nantes durch das Edikt von Fontainebleau im Oktober 1685 –, hatten die Waldenser nur die Wahl, den katholischen Glauben anzunehmen oder die Heimat zu verlassen. Wie schwer ihnen das gefallen sein muss, zeigt sich daran, dass fast alle Einwohner Méans in der Zwangsbekehrung das kleinere Übel sahen, jedoch innerlich an ihrem Glauben festhielten.

 

Als jedoch Savoyen 1693 für kurze Zeit das Pragelas eroberte und hierbei auch Méan verwüstet wurde, zog ein großer Teil der Bevölkerung, etwa 1600 Personen, in den savoyischen Teil der Waldensertäler Piemonts, wo Herzog Viktor Amadeus II. seit Juni 1690 ihren Glauben tolerierte. Doch die Hoffnung der Asylanten, bald wieder in ihr heimatliches Tal zurückkehren zu können, verflog, als der Herzog überraschend am 1. Juli 1698 im Auftrag des französischen Königs Ludwig XIV. alle reformierten französischen Staatsbürger anwies, die piemontesischen Waldensertäler Savoyens binnen zweier Monate zu verlassen.

Vertreibung aus dem Piemont

 

Der Fluchtweg der Waldenser aus Méan vom Piemont nach Dornholzhausen

 

Und so waren etwa 2800 Waldenser und etwa 200 Hugenotten bei Androhung von Todesstrafe und Verlust ihrer Habe gezwungen, Zuflucht in protestantischen Ländern zu finden. Katholisch zu werden, um bleiben zu können, kam für die Ausgewiesenen nicht infrage, obwohl sie sich von ihrem Besitz trennen mussten und auch die Ernte nicht mehr einbringen konnten. Und so machten sie sich Anfang September 1698 in großen Kolonnen, geführt von sieben Waldenserpastoren und einigen Kirchenältesten – die späteren Dornholzhäuser Siedler unter Pastor David Jordan – auf den beschwerlichen Weg durch Savoyen in den calvinistisch-reformierten Stadtstaat Genf, der sich 1536 von Savoyen losgesagt hatte. Auf steinigen Pfaden ging es über hohe Alpenpässe, wie den 2083 Meter hohen Mont-Cenis. Aber nach einem Fußmarsch von fast zwei Wochen erreichten alle Kolonnen wohlbehalten das Gebiet des Genfer Sees, wo sie mit den Flüchtlingsströmen der aus Frankreich geflohenen Hugenotten zusammentrafen.

 

Die einheimische Bevölkerung und besonders eingerichtete Behörden kümmerten sich aufopferungsvoll um die Flüchtlinge. In Genf und später in der Eidgenossenschaft waren sie nun zwar vor religiöser Verfolgung sicher, aber die Ungewissheit über die Zukunft zehrte an den Menschen. Bei der ohnehin schlechten wirtschaftlichen Lage des Gastlandes, in dessen evangelische Kantone seit 1685 schon über 100.000 Zuflucht suchende Reformierte gekommen waren, ließen die ungeheuren finanziellen Belastungen durch die mittellosen Flüchtlinge einen Aufenthalt nur vorübergehend zu. Und so zeichnete sich für die gerade aus dem Piemont Geflohenen, die überwiegend im Kanton Zürich untergekommen waren, schon bald ein erneuter Aufbruch ins Ungewisse ab.

 


Zwischenasyl in der Schweiz

Hilfe kam schließlich aus dem Ausland. Insbesondere bemühte sich der holländische Gesandte in der Schweiz und Bevollmächtigte für die Ansiedlung der Flüchtlinge, Pieter Valkenier, neben protestantischen Ländern, wie England und den Niederlanden, auch deutsche Fürsten zur Aufnahme der Flüchtlinge zu gewinnen. So erhielt er auch die Zusage Landgraf Friedrichs II. von Hessen-Homburg für die Aufnahme von 40 Waldenserfamilien unter der Bedingung, dass die Protestantischen Mächte hierfür garantieren würden.

 

Die bevorstehende Ausweisung der Asylsuchenden bedurfte unter den Kantonen vielfältiger Abstimmungen, die sich bis ins Frühjahr 1699 hinzogen. Die Waldenser sollten als erste so schnell wie möglich das Land verlassen, obwohl man erkannt hatte, dass sie in ihrer neuen Heimat für die Aussaat von Getreide nicht zeitig genug ankommen würden. Doch schon der schlechte Straßenzustand nach dem besonders schneereichen Winter erzwang einen späteren Aufbruch. Die Reiseroute, ob zu Wasser oder zu Land, wollte man vom jeweils günstigsten Verkehrsweg, von der Sicherheit des Transits durch fremdes Territorium und von den Gegebenheiten in den Aufnahmeländern abhängig machen. In jener Zeit ließen sich große Strecken schneller und vor allem für kleinere Gruppen am gefahrlosesten auf dem Wasserweg als mit Fuhrwerken auf den holprigen und unsicheren Straßen zurücklegen. Für die Weiterbeförderung in die deutschen Lande bot sich daher die Schiffsreise auf dem Rhein an. Und so wurde alles vorbereitet, um vorzugsweise die Älteren, Frauen mit Kindern sowie Kranke auf dem Rhein zunächst bis Basel zu bringen und dann weiter rheinabwärts. Für die anderen Flüchtlinge bedeutete es einen langen Fußmarsch von Schaffhausen aus über württembergisches Gebiet bis zur Sammelstelle im Raum Raunheim / Kelsterbach in der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt, wo sie von den Schiffsreisenden erwartet wurden.


Auf dem Rhein in die neue Heimat

Die meisten Passagiere dieser Schifffahrt haben Dornholzhausen (Dhh) mitgegründet

 

 

Das erste Schiff wurde am 1. Mai 1699 durch das Züricher Kommissariat abgesandt und kam tags darauf in Basel an, und in den folgenden Tagen gingen weitere Familien aus Méan auf die Schiffe. In Basel wurden für die drei- bis viertägige Schiffsreise neue Passagierlisten aufgestellt. Indem sich Kinder unter zehn Jahren je einen Platz teilten, wurde die Kapazität der Schiffe voll ausgenutzt. Für jede Person gab es ein festes Reisegeld. Die weite Reise auf dem damals noch nicht begradigten Rhein war nicht ungefährlich. Hinzu kam, dass das westliche Ufer zu Frankreich gehörte. Am 7. Mai 1699 gingen die ersten Waldenser für Hessen-Darmstadt im an die Kurpfalz verpachteten kurmainzischen Gernsheim an Land und begaben sich zum vereinbarten Treffpunkt. Von Frankfurt aus steuerte Pieter Valkenier die Unterbringung der Flüchtlinge. Am 6. Juni 1699 schrieb er von dort an den Züricher Bürgermeister, die Gemeinde von Méan sei schon vollzählig untergebracht, also deren Ansiedlung im künftigen Dornholzhausen vertraglich gesichert, und es fehle jetzt nur noch, dass diese 165 Personen beim Landgrafen den Treueid ablegten.

 

Aufnahme der Glaubensflüchtlinge in Hessen-Homburg durch Landgraf Friedrich II.

(Landgrafen-Denkmal im Bad Homburger Kurpark)

Das den Waldensern geschenkte Gelände am Reisberg und die Ausdehnung des Dorfes um 1800


 Bei der Auswahl des Geländes verließ man sich nicht nur auf die Beschreibung möglicher Siedlungsplätze, sondern sah sich die Örtlichkeiten genau an. Dabei spielte eine wesentliche Rolle, dass die Gruppe darauf bestand, als Dorfgemeinschaft zusammenzubleiben. Da für die Waldenser, die ja in ihrer Heimat Bergbauern gewesen waren, ein Leben in der Residenzstadt Homburg nicht infrage kam, wurde das Angebot des Landgrafen gern angenommen, den Siedlern das Gelände des Reisbergs schenkungsweise zu überlassen. Die Fläche entsprach in etwa der Gemarkung eines um die Mitte des 16. Jahrhunderts untergegangenen Dorfes, das bereits den Namen Dornholzhausen getragen hatte, was den Waldensern die aus jener Zeit darauf liegenden Rechte sicherte.



Dornholzhausen wird gegründet

Als der Termin für die Aufnahme der Flüchtlinge nahte, ließ der Landgraf auf dem Gelände des Reisbergs Baracken errichten, damit die Familien ein Dach über dem Kopf hätten, bis sie sich eigene Häuser gebaut haben würden. Von den am 28. Juli 1699 eingetroffenen 40 Familien – 109 Erwachsene mit 56 Kindern unter 18 Jahren – blieben jedoch nur 30, da das Gelände deutlich kleiner als zugesagt war und nicht für alle eine ausreichende Lebensgrundlage hergeben würde. Es wurde jedoch nur zögerlich gebaut, weil die eine oder andere Familie das Leben in einer der Wohnbaracken zunächst dem eigenen Hausbau in der Hoffnung vorgezogen haben mag, bald wieder in ihre piemontesische Heimat zurückkehren zu können.

Doch nach und nach arrangierten sich die Siedler und versuchten, ein Leben wie vordem im Piemont zu führen. Die mit dem Landgrafen ausgehandelten Privilegien kamen ihren Vorstellungen entgegen, insbesondere die freie und öffentliche Ausübung der reformierten Religion sowie die Verwendung der französischen Sprache. Auch war ihnen als Besonderheit erlaubt, Schultheiß, Pastor und Lehrer selbst zu wählen und Gerichtsschöffen einzusetzen. Mit der Einweihung der noch heute genutzten Kirche im Jahr 1726, die den bescheidenen Bau eines ersten Gotteshauses von 1701/02 ablöste, hatte sich die Waldenser-Kolonie Dornholzhausen endgültig in der Landgrafschaft Hessen-Homburg etabliert.

Das Modell des Dorfes gibt einen Eindruck von der dichten Bebauung um 1825 mit zum Teil bereits geschlossenen Hofreiten


Verantwortlich für den Inhalt:

Dr. Walter Mittmann (2. Vorsitzender)

(Kurzfassung des Vortrags auf dem Deutschen Waldensertag 2015)

 

Foto: W. Creutz