Sehnsucht nach Dornholzhausen

Stefan George im Gotischen Haus

von Ismene Deter

 

Als die beiden Dichter Stefan George und Albert Verwey in den ersten Augusttagen 1899 in Homburg vor der Höhe eintrafen, wussten sie bereits, was sie hier erwartete: ein Badeort mit mondänem Publikum und viel Trubel, doch dazu verspürten sie wenig Lust. So nahmen sie Kurs auf Dornholzhausen. Denn hier, am Rande des kleinen Ortes, lag einsam das Gotische Haus, das George bereits kannte. Spätestens als sie vor dem Bauwerk standen und von seiner Abgeschiedenheit und dem melancholischen Charme erfasst wurden, der das Haus umgab, stand für sie fest: das ist genau das, was ihnen vorschwebte. Ein Ort der Stille, der es ihnen erlaubte, ihren poetischen Neigungen ungestört nachzugehen. Sie sollten nicht enttäuscht werden.

 

Der einunddreißigjährige George und der wenig ältere Verwey waren Freunde geworden, nachdem sie sich alljährlich trafen, um sich über literarische Fragen auszutauschen, sei es in Bingen, der Heimat Georges, sei es in Den Haag, dem Wirkungsbereich Verweys. Beide Lyriker strebten an, die Dichtkunst ihrer Länder den zeitgenössischen Strömungen in Europa, dazu zählte der Symbolismus, anzunähern. Dabei waren die Holländer der literarischen Avantgarde in Deutschland ein wenig voraus.

 

Stefan George und Albert Verwey

Zeichnung von Jan Toorop (1901)

Quelle: Albert Verwey: Mein Verhältnis zu Stefan George, Leipzig 1936

Seit Hessen-Homburg 1866 preußisch geworden war, wurde das Gotische Haus, einst Jagd- und Lustschloss der Landgrafen am Rande des Großen Tannenwaldes, von der Forstverwaltung genutzt. Auf Dornholzhäuser Gebiet gelegen und von jeher ein Anziehungspunkt für die Homburger, hatte man hier eine Restauration eingerichtet und hielt einige Räume zur Unterkunft bereit. Zwei dieser bescheidenen Zimmer bezogen nun die beiden Dichter am 7. August 1899 für etwa 8 Tage, wobei eines auf eine Arkade hinausging, die mit weiteren Arkaden eine offene Veranda zu ebener Erde bildete.

 

 


Die Aussicht ging auf Homburg und den Weißen Turm des Schlosses. Die Dichter waren glücklich, es so schön und ländlich getroffen zu haben. Besonders schätzten sie das üppige Frühstück aus Schinken, Speck und Eiern, das ihnen die freundliche Wirtsfrau in ihre Veranda brachte. Nur mussten sie es sich mit dem frechen Federvieh teilen, das herbeiflatterte, um ihnen die Brotkrumen von den Socken zu picken.

 

Wenn sie unterwegs nach Homburg waren, über die Tannenwaldallee oder vorbei an Dornholzhausens gastlichem Hotel Scheller und einigen wenigen neu entstandenen Villen in der Saalburgstraße, war es gewöhnlich George, der alle Aufmerksamkeit auf sich zog: eine schlanke, aristokratische Erscheinung, an der vor allem das eindrucksvolle Haupt mit der imposanten Haarmähne fesselte.

 

Gotisches Haus

Ansichtskarte von George und Verwey an Kitty Verwey vom 11.08.1899

Quelle: Albert Verwey an Stefan George, Amsterdam 1965


Darunter ein blasses, kantiges Antlitz mit hervortretenden Stirnbögen und grün-grauen, fast magisch blickenden, tief eingebetteten Augen. In seinem eleganten Zweireiher machte er eine gute Figur, was durch seine modischen Lackschuhe und die salamanderfarbene Krawatte noch unterstrichen wurde. Derart tadellos gekleidet, tauchten die beiden abends im Kurhaus zum Tanzen wie “Minister auf Urlaub” auf, wo sie sich am Treiben der mondänen Gesellschaft amüsierten und ihre Beobachtungen machten. Kehrten sie nachts in ihr Quartier in Dornholzhausen zurück, empfing sie eine andere Welt. Doch sie wollten es nicht anders. Nur hier konnten sie ausgiebig ihren Gedanken und Empfindungen bei Wein, Plauderei und feinsinnigen Gesprächen bis tief in die sternklare Nacht freien Lauf lassen. Höhepunkte bildete dann das gegenseitige Vorlesen von Gedichten, in das sich auch ihre eigenen, neuesten Produkte mischten. Umschlossen von Wald, Äckern und Obstwiesen, war Dornholzhausen, das sich damals gerade anschickte, aus der traditionellen Strumpfwirkerei zu einem Luftkurort herauszuwachsen, wie geschaffen zur Erholung und verlockte zu Wanderungen durch die umliegende Gegend, die sie still oder in munterem Gespräch unternahmen.

 

Kein Wunder, dass beide den Aufenthalt genossen. Von der stillen Aura des Hauses gefangen, ließen sie sich zu allerlei poetischen Eingebungen inspirieren. Bei Verwey hat dieser Aufenthalt eine besonders produktive Phase hervorgerufen, die noch das ganze Jahr über anhielt. Noch im Oktober brachte er sein Gedicht über das Gotische Haus (“Das Weiße Haus”) zu Papier, worin er die denkwürdigen Tage als “traum im tagsein” bezeichnet. Hier sein “Het witte huis” in deutscher Übersetzung von Edgar Salin und in der damals von vielen Dichtern, besonders von George, bevorzugten Schreibweise mit kleinen Lettern:

 Das weiße Haus

 

 Vom weißen haus im forst die zinnen stießen

   Hinauf ins blau, groß öffneten sich bogen.

   Vor offnen fenstern saßen wir genießend,

   der tisch war in die galerie gezogen

  

  Gedeckt mit edler landkost. Wir zerstückten

  Sie plaudernd, scherzend, – währendes entzücken!

  Häusliches hühnervolk kommt angeflattert

  Das um uns hin um krum und brocken hadert.

 

  Weit lädt der forst: längs ebnen wandelpfaden

  Gleiten wir fröhlich; dürres laub und nadeln

  In weicher schicht häuft sich zu unsern füßen. 

 

Ein zweites Gedicht schuf Verwey während ihres Aufenthaltes in Homburg. Es entstand direkt unter den Lampen des Kurhauses und trägt den Titel “Der Festsaal”. Aber auch George ließ die Erinnerung an die gemeinsame Zeit im Gotischen Haus sehr lange nicht los. Bei beiden hinterließ sie eine tiefe Resonanz, gern wären sie noch geblieben.

 

Kurz bevor sie ihr Bündel schnürten, um abzureisen, stieß ihnen noch etwas zu, auf das sie gern verzichtet hätten: seine goldene Taschenuhr, die George bei offenem Fenster auf der Fensterbank hatte liegen lassen, war, als sie in ihr Quartier zurückkehrten, verschwunden, und trotz der gleich eingeleiteten Suche durch den “lustspielartigen Dorfpolizisten” von Dornholzhausen und das Einschalten der Polizei in Homburg blieb der Diebstahl unaufgeklärt. Von diesem einen Vorfall abgesehen, verlief der Aufenthalt für die beiden Dichter jedoch in friedlicher Eintracht und erschien ihnen unvergleichlich. Die Erinnerungen an das “Gothisch Haus” sollten sie noch lange begleiten.

 

Eine ausführliche Darstellung dieses Berichtes erschien bereits in den "Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Landeskunde Bad Homburg v.d.H.", Heft H 64.

 

Der Besuch der beiden Poeten in Homburg wird auch im nächsten Dornholzhausen-Heft gewürdigt werden.